01 A00 Kirche - 140
Interview mit Bischof Rudolf

In der Ausgabe 02/2013 von ”Gemeinde creativ” (Zeitschrift für engagierte Christen) war folgendes Interview mit unserem Bischof Rudolf Voderholzer abgedruckt. Dankenswerterweise hat uns “Gemeinde kreativ” (s. a. www.gemeinde-creativ.de) die Erlaubnis zum Abdruck dieses interessanten Artikels erteilt.

"Ich lerne jeden Tag sehr viel dazu"

Interview mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer

Bischof RudolfDer gebürtige Münchner Rudolf Voderholzer wurde 1987 in Freising zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren promovierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Professor Dr. Gerhard Ludwig Müller. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Universität Fridbourg/Schweiz übernahm er 2005 die Professur für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät Trier. Daneben war er Seelsorger in der Pfarrei St. Nikolaus in Kasel bei Trier. 2008 wurde Voderholzer Direktor des "Institut Papst Benedikt XVI." in Regensburg. Am 6. Dezember 2012 wurde er durch Papst Benedikt XVI. zum 78. Bischof von Regensburg ernannt und am 26. Januar 2013 geweiht.


Gemeinde creativ: Was bedeutet für Sie persönlich die Rückkehr nach Bayern?

Voderholzer: So ganz fern der Heimat war ich ja eigentlich nie. Aber der Lebensmittelpunkt war die letzten acht Jahre in Trier und im Ruwertal. Die Verlegung des Lebensmittelpunkt nach Regensburg bedeutet vor allem, dass ich nicht mehr so viel Autofahren muss, sondern dass ich jetzt die “stabilitas loci”, das Leben an einem Ort, geniessen kann. Ansonsten ist mir die Umgebung vertrauter, wo man so redet, wie einem selbst der Schnabel gewachsen ist. Aber auch in Trier und in Kasel, wo ich eine kleine Pfarrei betreut habe, habe ich mich sehr zu Hause gefühlt. Der Abschied ist mir durchaus schwer gefallen.

Gemeinde creativ: In Ihrem Bischofsspruch blitzt der Gedanke der Gegenwart Christi auf. Wo ist Ihre spirituelle Wurzel, Ihre spirituelle Heimat?

Voderholzer: Ich habe das Glück gehabt, in einer kirchlich sozialisierten Umgebung aufzuwachsen, in einer Familie, in der der Sonntag der Tag des Gottesdienstes, des gemeinsamen Gebetes war. Dann hat mich der Religionsunterricht am Gymnasium in die Tiefe geführt. Hier hat für mich mein Religionslehrer Pater Viktrizius Bernd eine grosse Rolle gespielt. Von dorther hat sich mir der Christusglaube als das Licht für meinen eigenen Weg erschlossen. Ich habe erleben dürfen, wie man glaubwürdig Priester sein kann, so dass ich mir die Frage gestellt habe, ob das nicht auch mein Weg ist, in dieser Form Christus nachzufolgen.

Gemeinde creativ: Berufungspastoral heute hat ganz andere Voraussetzungen. Sie haben als Bischof Mitverantwortung für Berufungen, für die Zukunft der Kirche.

Voderholzer: Die beste Berufungspastoral ist eine glaubwürdige christliche Existenz, eine glaubwürdige priesterliche Existenz. Gerade auf dem Gebiet sind junge Menschen sehr sensibel, wollen frei entscheiden dürfen. Man muss junge Leute begeistern, man muss sie begleiten, man muss ihnen Hilfestellungen geben, aber das muss alles in einer grösstmöglichen Freiheit geschehen. Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrung sprechen darf, war für mich wichtig, dass sich diese Berufung in einem grösseren Kontext abgespielt hat. Ich bin sehr dankbar für den Schulunterricht, den ich über den Religionsunterricht hinaus erlebt habe. Im Deutschunterricht, im Geschichtsunterricht, habe ich eine Weltsicht kennen lernen dürfen, in der der Glaube kein Fremdkörper ist, sondern der Glaube als eine Bereicherung für den Deutschunterricht und umgekehrt, der Deutschunterricht als eine Bereicherung für den Religionsunterricht erfahren wird. Und dann in der Physik zu sehen, dass sich ein naturwissenschaftlicher Zugang zur Wirklichkeit und die gläubige Position nicht ausschliessen, sondern beides sehr gut miteinander geht. Heute kann ich im Rückblick sagen, dass ich meine Berufung nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch im Physikunterricht erlebt habe.

Gemeinde creativ: Nach Ihrer Berufung und Ausbildung zum Priester sind Sie zuerst Wissenschaftler, jetzt Bischof geworden. Bischof ist ja kein Ausbildungsberuf. Wie bereitet man sich da vor?

Voderholzer: Da kann man sich nicht vorbereiten. Da wird man wird Bischof, und dann muss man es sein. Und dann sieht man, was man noch alles lernen muss. Natürlich bin ich mit Leib und Seele Priester und Pfarrer gewesen und es war mir immer wichtig, dass neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch die seelsorgliche, pastorale Tätigkeit nicht zu kurz gekommen ist. Das kommt mir jetzt schon zugute. Aber ich lerne jeden Tag sehr viel dazu.

Gemeinde creativ: Sie waren Lehrer der Theologie. Was nehmen Sie von daher mit für das Amt?

Voderholzer: Es gibt natürlich der Verkündigung oder den verschiedenen anderen Gelegenheiten schon eine Sicherheit und einen Rückhalt, dass man sich mit den einzelnen theologischen Fragen über Jahre hinweg intensiv auseinandergesetzt hat, dass einem die ganzen Fragestellungen nicht fremd sind oder dass man sich vor anderen theologischen Experten behaupten kann. Nicht dass wir in der Kirche plötzlich die Expertokratie haben und das theologische Wissen und das kirchliche Lehramt auseinander fallen. Es ist schon wichtig, dass ein Bischof auch theologisch qualifiziert ist.

Gemeinde creativ: Sie haben sich qualifiziert für die Theologie auch mit der Beschäftigung und der Auseinandersetzung mit dem Theologen Joseph Ratzinger, weit bevor er Papst wurde. Wie kam es dazu. Wie wird man Ratzinger-Fan?

Voderholzer: Das hängt anfänglich wieder mit meinem Religionsunterricht zusammen. Wir haben grosse theologische Literatur gelesen, auch den “€žGrundkurs des Glaubens” von Karl Rahner. Ich habe dann sehr bald die "Einführung in das Christentum” von Joseph Ratzinger empfohlen bekommen. Ich habe gesehen, welche unterschiedlichen theologischen Stile es gibt. Ratzinger konnte man wirklich gut verstehen, er war wesentlich gefälliger und sprachlich schöner, ohne dass es deswegen theologisch weniger anspruchsvoll gewesen wäre. Ich habe seit der Zeit gemerkt, dass es eine Theologie ist, mit der man gut leben, mit der man beten kann, die man weitergeben kann. Es ist eine Theologie, die auch die Sinne mit einbezieht. Die Rahnersche Theologie ist eher eine tief schürfende, eine abstrakte Theologie. Wenn Theologie jemandem die Augen öffnet und jemanden zum Sehen und zum hören befähigt, dann ist die Theologie gut.

Gemeinde creativ: Wenn aus Ihrer Sicht Ratzinger relativ leichter zu lesen ist als viele andere Theologen: Könnte er noch bedeutender werden, als er jetzt schon ist?

Voderholzer: Ja sicher, und zwar weltweit. Ich bin noch Direktor des “€žInstitutes Papst Benedikt XVI.”, insofern es um die Verantwortung der Herausgabe seiner Schriften geht, und sehe daher, wie er weltweit rezipiert wird. Das ist eine Theologie, die in Übersetzungen in allen denkbaren Sprachen unglaublich weit verbreitet ist. Er wird als ein Kirchenlehrer in die Theologiegeschichte eingehen, auch als einer der ganz grossen Prediger auf dem Stuhl Petri. Ich habe vor kurzem mit einem Benediktinerabt gesprochen, der für die Benediktinerklöster Lesepredigten für die Betrachtung zusammenstellt. Er hat mich gefragt, ob ich ihm sozusagen “€žNachschub” liefern kann. Alle, die etwas von der Sache verstehen, erkennen, was sich hier für eine Kraft der Reflexion zeigt; gleichzeitig die Fähigkeit, die Dinge klar zu benennen. Ratzinger/Benedikt ist einer der ganz grossen Theologen, und das wird sich noch zunehmend zeigen, da bin ich ganz sicher.

Gemeinde creativ: Mit dem Rücktritt wird es keine weiteren öffentlichen Predigten mehr geben. Wie haben Sie den Rücktritt aufgenommen, wahrgenommen?

Voderholzer: Ich war total überrascht, schockiert, auch ziemlich traurig. Natürlich kann man es verstehen, wenn man bedenkt, dass er jetzt 86 Jahre alt wird. Ich sehe, dass ihm nicht gegeben ist wie seinem Vorgänger, diese Phase der menschlichen Schwäche und der Hinfälligkeit noch zur Verkündigung werden zu lassen. Das ist wohl das Charisma von Johannes Paul II. gewesen. In den vielen Herausforderungen, die jetzt an ihn herandrängen, hat er wohl gespürt, er müsste die Präsenz eines 40-jährigen haben und in der Vollkraft der Jahre stehen. Es ist wohl auch Hochachtung vor dem Amt, zu sagen, dass er es jetzt nicht mehr ausfüllen kann. Ich gehe davon aus, dass es schon erhebliche gesundheitliche Probleme geben muss, sonst hätte er sich zu diesem Schritt nicht entschieden. Benedikt weiss auch, dass das geistliche Dienstamt nicht ein politisches Mandat ist, das man für eine Frist übertragen bekommt und dann gibt man es wieder auf und lässt einen anderen ran. Die Analogie ist eher die Existenz des Vaters, und Vater ist man bis zu seinem letzten Atemzug.

Gemeinde creativ: Diese ganzen aktuellen Ereignisse, die Theologie, ihre pastoralen Erfahrungen spielen sich im Raum der Kirche ab. Können Sie mit wenigen Worten beschreiben, was für Sie Kirche ist?

Voderholzer: Kirche ist die Gemeinschaft, in der Gottes Liebeserklärung - die Theologen sprechen von Offenbarung - angenommen und geglaubt wird. Diese Liebeserklärung wird dabei in einer Weise angenommen, dass sie für andere auch akzeptabel wird. Und diese Zuwendung Gottes muss gefeiert und im Gottesdienst dankbar angenommen werden. Im Glaubensbekenntnis wird die Kirche €”communio sanctorum” genannt, Gemeinschaft der Heiligen. Das muss man allerdings richtig verstehen. Darauf hat mich in seinen Schriften der Theologe Henri de Lubac aufmerksam gemacht. Gemeinschaft der Heiligen ist nicht einfach die Versammlung der heiligen Menschen, vielleicht gar derer, die im Himmel sind. Es ist die Gemeinschaft, die aus dem Heiligen entsteht, aus der Heiligung, also die Gemeinschaft, die aus der Wiedergeburt der Taufe und aus der ständigen Erneuerung in der Eucharistie ihr Leben hat. Im zweiten und dritten Schritt kommen dann die Institutionen, die die Kirche auch ausgeprägt hat. Aber das steht alles im Dienst dieser personalen Wirklichkeit und des Auftrages an die Kirche, Ort des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu sein.

Gemeinde creativ: Sie haben den Theologen Henri de Lubac erwähnt, der auch als einer der Vordenker des II. Vatikanischen Konzils gilt. Was bedeutet Ihnen denn das Konzil in diesem Kontext der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, wie Sie sie gerade angerissen haben.

Voderholzer: Zunächst zu Henri de Lubac, ich verehre ihn sehr. Ich glaube, dass er ein Heiliger ist, ein Mann, der eine unglaubliche Weite hatte, der in der Theologiegeschichte aller Jahrhunderte zu Hause war. Gerade deswegen konnte er auch ein Wegbereiter des II. Vatikanischen Konzils sein. Die Theologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem die römische Theologie, war doch gekennzeichnet von einer gewissen Engführung, von einer bestimmten Form von Scholastik, auch einem gewissen Rationalismus, einer Engführung auf Rom, den Papst. Bei Henri de Lubac kann man wunderbar lesen, welche Frische die Theologie des ersten Jahrtausends hatte, auch die der Kirchenväter des Ostens und des Westens, wenn man sie wieder einmal ganz an sich herankommen lässt. Welch wunderbarer Denker beispielsweise Origenes war, der ganz aus der biblischen Überlieferung geschöpft hat, mit einem geistlichen Zugang und einer Kreativität, die lange verschüttet war. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Menschenbild. Für Lubac ist der Mensch ein Paradox: Alles - ausser Gott - ist für den Menschen letztlich zu wenig. Dieser Impuls hat sich im II. Vatikanischen Konzil in den Texten manifestiert; ein Wiederanknüpfen an die Kirchenväter des Ostens und des Westens und diese ganz grosse biblische Vision von der Heilsgeschichte. Ratzinger, der in gewisser Weise auch ein Schüler von Henri de Lubac gewesen ist, hat das dann über Kardinal Frings mit in die Konzilstexte hineingebracht. Das ist die Konzilstheologie, von der ich mich geprägt weiss und die ich auch meiner bischöflichen Verkündigung zugrunde lege. Es gibt - auch im Blick auf die Piusbruderschaft - überhaupt keine Debatte über die Gültigkeit des Konzils. Man muss das Konzil interpretieren, man muss das Konzil jetzt neu lesen und übersetzen. Aber am Buchstaben des Konzils und seiner Gültigkeit gibt es nicht die geringsten Abstriche und ich wünsche mir zum Jahr des Glaubens, das an den Beginn des Konzils vor 50 Jahren anknüpft, eine intensive neue Beschäftigung mit den Konzilstexten. Es gibt noch viele ungehobene Schätze oder sagen wir anders: Manche Dinge sind schon wieder in Vergessenheit geraten. Ich kann nur jedem raten, sich mit den Texten selbst zu beschäftigen. Ich weiss allerdings auch, dass das Konzil sehr umfangreiche Texte verabschiedet hat. Man muss vielen erst einmal den Zugang eröffnen, so dass sie die Fragestellungen erkennen, um die Grösse der Antworten erahnen zu können, die gegeben worden sind.

Gemeinde creativ: Die Gefahr der Engführung wird von einigen Katholiken heutzutage durchaus auch wieder gesehen. Teilen Sie diese Sicht?

Voderholzer: Gerade in einer Welt, die unübersichtlich, schnelllebig, geworden ist, kann die Gefahr bestehen, dass man sich mit einfachen Antworten zufrieden gibt oder auf vermeintliche Sicherheiten zurückzieht, die einem dann ersparen, sich täglich neu mit den Dingen auseinanderzusetzen. Ich kann das bis zu einem bestimmten Grad auch nachvollziehen. Gerade auch als Hirte kann ich nicht ständig alles zur Disposition stellen. Andererseits muss ich auch in einer Offenheit mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stehen, die jetzt aber nicht unbedingt auf der Kanzel geführt werden muss. Katholisch sein ist das Gegenteil von Engführung.

Gemeinde creativ: Eine Aufweitung, eine Aufwertung durch das II. Vatikanische Konzil haben die Laien erfahren. Die Laien liegen Ihnen offensichtlich am Herzen?

Voderholzer: Ja, selbstverständlich. Die Kirche besteht zu 99,5 % aus Laien, also getauften und gefirmten Christen. Priester oder Bischof sein heisst, diejenigen, die durch Taufe und Firmung teilhaben an einem gemeinsamen Priestertum, dafür zu rüsten. Geistlicher ist man ja nicht für sich selbst, sondern für alle. Und umgekehrt kann Kirche nur leben wenn sie in all ihren Gliedern präsent ist. Deshalb halte ich den Begriff “€žLaie” für unglücklich. Es ist sprachgeschichtlich und vom empirischen Sprachgebrauch her so, dass der “Laie” ein Nichtfachmann ist, ein nicht Eingeweihter, jemand der etwas nicht kann. Für die christliche Existenz ist das unangemessen, weil jeder getaufte und gefirmte Christ Anteil an den drei Ãmtern Christi hat: Priesteramt, Hirtenamt und prophetisches Amt. Das Konzil möchte jeden auf seine Weise dazu stärken, in den Familien, im Beruf, in der Politik in der Medienwelt seinen Mann, ihre Frau zu stehen. Dieses Stärken ist die erste Aufgabe der Priester. Dann lebt Kirche. Es geht da auch nicht um eine falsche Konkurrenz. Natürlich haben Bischöfe als Nachfolger der Apostel und die Priester eine besondere Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens. Und so genannte Laien haben auch das Recht, dass die Hirten ihnen den Glauben authentisch überliefern und sie auch in einem authentischen Glauben ausbilden, aus dem heraus sie selber zum Verkündigen berufen sind.

Gemeinde creativ: Manche Laien leben ihre Taufberufung in den Laiengremien, in den Räten. Welche Rolle spielen diese für die Kirche?

Voderholzer: Ich habe in meinem bisherigen seelsorglichen Leben im Alltag verschiedenste dieser Gremien erlebt. Ich bin sehr dankbar für alle Mitsorge, Mithilfe, Mitüberlegung, die ich hier erfahren habe. Das pfarrliche Leben in Kasel, wo ich sozusagen Freizeitpastor war, wäre ohne den Pfarrgemeinderat nicht denkbar gewesen. Man erwartete von mir als Pfarrer, dass ich für die offizielle Verkündigung des Glaubens stehe. Aber umgekehrt habe ich auch gelernt aus der Umsetzung des Glaubens in den ganz konkreten alltäglichen Sorgen und Nöten des Familienlebens, des Berufslebens oder wenn es darum geht, den Glauben hineinzuvermitteln in den Kindergarten, in die Schulen, in die Jugendarbeit und so weiter. Das kann nicht alles der Pfarrer selbst machen. Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, wenn sich zeigt, dass manche Positionen in der Lehre der Kirche in Widerspruch geraten zu dem, was mancher Aspekt des Zeitgeistes so mich sich bringt. Ich merke, wie die Leute ringen und wie sie schauen, warum das jetzt nicht zusammengeht. Liegt es am Zeitgeist? Wer soll sich von wem kritisieren lassen? Man kennt ja die klassischen Konfliktthemen. Aber ich habe doch auch immer gemerkt, dass die guten Gründe der kirchlichen Positionen überzeugen.

Gemeinde creativ: Ein weiterer Ort der Laien ist der Dienst in der Welt für die Welt in Form der Caritas. Sie haben sehr eindrücklich den Weltdienst beschrieben in einer Ansprache zum Gedenken an den Journalisten Fritz Gerlich, der im Dritten Reich umgebracht wurde, und ihn als Träger des Weltdienstes und Beispiel des Laienapostolates dargestellt.

Voderholzer: Die ganze Medienwelt, die ganze Pressewelt ist ein Ort par Excellenz für die Weltverantwortung getaufter und gefirmter Christen. Man muss schauen, dass man hier als Christ nicht untergeht, sondern das, was der ganzen Welt zum Wohl und zum Heil dient, einbringen. Das sehe ich bei Fritz Gerlich in einer aussergewöhnlich intensiven Weise bis hin zum Blutzeugnis. Er hat all seine Fähigkeiten in den Dienst der von ihm erkannten Wahrheit gestellt. Natürlich ist nicht jeder zum Märtyrer geboren und nicht jede Zeit erfordert dieses blutige Martyrium. Aber das Wort Märtyrer kommt ja zunächst einmal von griechisch ”martys”, Zeuge, und das wäre vielleicht gegenwärtig die grössere Herausforderung, die Unzeitgemässheit mancher christlichen Position so gewinnend formulieren zu können, dass sie auch von denen, die sie für vorgestrig halten, als richtungweisend wahrgenommen werden können. Das ist Aufgabe der getauften und gefirmten Laien in der Politik. Die getauften und gefirmten Laien sollen das Evangelium vertreten in einer Weise wie es auch mehrheitsfähig werden kann. Natürlich geht das nicht ohne Kompromisse. Ich sage es jungen Leuten in den Jugendverbänden: Wenn ihr das Zeug dazu habt, reden könnt, argumentieren könnt, das politische Geschäft auch psychisch aushalten könnt, dann ist das eine mögliche Berufung. Das kann dann auch ein Opfer sein, ein sehr entbehrungsvoller Weg.

Gemeinde creativ: Zeugnis geben, auch in der Politik und durch politisches, ausserparlamentarisches Wirken war ja immer auch ein Grundgedanke in der Geschichte der Katholikentage. 2014 wird der Katholikentag in Ihrer Diözese abgehalten.

Voderholzer: Mein Vorgänger hat den Katholikentag nach Regensburg eingeladen und die Weichen sind alle gestellt, die Vorbereitungen laufen. Der Katholikentag steht unter dem Motto “€žMit Christus Brücken bauen”. Ein sehr schönes Motiv, wie ich finde, das ich auch durch die Wahl meines Wappens, in das ich eine Brücke mit aufgenommen habe, unterstützen möchte. Dabei hat diese Brücke vielfältige Bedeutungen, nicht zuletzt die Brückenfunktion, die mir vorschwebt zwischen Bayern und Böhmen, der Diözese Regensburg und unserer Nachbardiözese Pilsen. Aber auch einen Brückenschlag, eine Verbindung, eine gegenseitige Befruchtung von Kirche und Gesellschaft, Kirche und Politik. Die Katholikentage sind keine eucharistischen Kongresse. Da geht es nicht in erster Linie darum, den Glauben zu feiern und zu vertiefen, wenngleich das auch ein Element des Katholikentages ist. Von ihrer Geschichte her geht es um eine Reflexion, eine Selbstvergewisserung der kirchlichen Verbände in Bezug auf ihre gesellschaftspolitische Bedeutung auf der Basis des gemeinsamen Glaubens. Ich freue mich auf die breite Palette, die jetzt in der Vorbereitung erarbeitet wird. Wir können hier unter der Rücksicht der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der Sorge um die Arbeitnehmerinnen, der Arbeitnehmer, dem Thema Gerechtigkeit, aber auch der Jugendfürsorge an den Fundamenten eines christlichen Europa arbeiten. Themen, wie etwa die Drogengefahr durch Crystal Speed hier im Grenzgebiet sind wichtige Gesprächsinhalte: Was macht junge Menschen anfällig, warum haben wir alles - und so wenig Sinn? Das ist eine grosse Palette, eine Fülle von Themen, die bedacht werden müssen. Da muss die Kirche ihre Stimme erheben, da setzt die gesellschaftspolitische Relevanz der Kirche an, ihre Aufgabe in der Gestaltung unseres Gemeinwesens über den kirchlichen Bereich hinaus.

Gemeinde creativ: Der Brückenschlag in den Osten ist ein Stück weit Ihrer persönlichen Biografie geschuldet.

Voderholzer: Wenn Sie so wollen, habe ich einen Migrationshintergrund, jedenfalls in der zweiten Generation, wie sehr viele hier in Bayern. Ich weiss es über die Familie meiner Mutter, die aus dem Sudetenland (heute Tschechien) stammt was an Wunden geschlagen worden ist und wie viele Wunden noch nicht verheilt sind. Meine feste Überzeugung ist, dass vor allem auf der Ebene des gemeinsamen christlichen Glaubens, der auch Böhmen weitgehend geprägt hat, eine nachhaltige Gestaltung der Zukunft möglich sein wird. So schwebt uns im Zusammenhang des Katholikentages eine grenzüberschreitende Wallfahrt vor. Ich sehe hier für die Kirche eine grosse Aufgabe im Hinblick auf die Versöhnung zwischen den Völkern. Es waren die kirchlichen Verbände, die von vornherein auf alle revanchistischen Zungenschläge verzichtet haben und die Hand zur Versöhnung gereicht hatten.

Das Interview führte Thomas Jablowsky

 

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